Joachim Brohm - Presse






Kunstmarkt

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.04.2004, Nr. 80, S. 47


Bärendienst für den Flohmarkt



Ein Vergleich



Zum Leidwesen des Marktes für zeitgenössische Fotografie erging kein Urteil. Sosehr man sonst den Vergleich als elegante Beilegungsform von Rechtsstreitigkeiten schätzen mag, so unbefriedigend war er im kürzlich vor dem Leipziger Landgericht anhängigen Fall. Helmut Röschinger, Chef der klagenden Firma Argenta, finanzierte als Investor und Eigentümer eines großen ehemaligen Industriegeländes in München zehn Jahre lang ein ungewöhnliches Kunstprojekt: Im Jahr 1992 vereinbarte er mit dem Fotokünstler Joachim Brohm, heute Rektor der Leipziger Hochschule für Graphik und Buchkunst, daß dieser mit der Kamera die schleichenden Veränderungen auf dem Areal festhalten solle. Brohm dokumentierte den Verfall der alten Bebauung, Zwischennutzungen und Nischenexistenzen vom Kleinunternehmer bis zum Mauerblümchen; schließlich den Bau der "Parkstadt Schwabing". Röschinger sponserte diese fotografische Spurensicherung "Areal der Zeit" mit weit mehr als 100 000 Euro. Als Gegenleistung lieferte Brohm etwa jährlich eine Bildauswahl in einer Mappe, deren Auflage auf drei Stück begrenzt wurde. Die erste war dem Sponsor vorbehalten, eine blieb beim Künstler, die dritte bekam sein damaliger Galerist.

Als Brohm von den insgesamt 3000 Negativen der Langzeitserie kürzlich 300 Bilder auf eine Wanderausstellung schickte, mußte Röschinger feststellen, daß mindestens 64 Fotos, die laut Numerierung aus einer Elfer-Auflage stammten, Motiven in seinen Mappen in Papiergröße und Bildausschnitt zum Verwechseln ähnlich waren. Um die Wertminderung seiner Bilder zu verhindern, klagte der Eigentümer auf Unterlassung. Grundsätzlich gilt ja für Fotografie dasselbe wie für Druckgraphik, Bronzeskulpturen und sonstige fast endlos vervielfältigbare Kunstwerke: Je kleiner die Edition, desto höher der Sammlerwert. Um den Überblick zu gewährleisten und die "Inflationsgefahr" zu bannen, sind dem Kunstmarkt Numerierungen unentbehrlich. So besagt etwa der Vermerk "1/3", daß es sich um das erste Einzelstück einer ein für allemal auf drei Exemplare begrenzten Auflage handelt. Besonderheiten ihres Mediums nutzend, konnten die Fotokünstler ihr Terrain der Limitierungen ein wenig erweitern. Denn im Unterschied zu Druckstock und Gußform läßt das fotografische Negativ ja erhebliche Varianten im Format oder durch Ausschnitte zu. Der um Transparenz bemühte Markt akzeptiert denn auch dasselbe Motiv in verschiedenen Auflagen - vorausgesetzt, sie sind auch für den Laien deutlich voneinander zu unterscheiden und korrekt gekennzeichnet.

Was bedeutet es also, wenn einer feinen kleinen Dreierauflage plötzlich elf Bilder folgen, die so gut wie gleich aussehen? Für den Eigentümer von 1/3 bedeutet es, daß er nun wider Erwarten eine von vierzehn Ausfertigungen besitzt; für den Markt bedeutet es, daß wohl sein kann, was nicht sein dürfte. Das aber führt zu Verunsicherung und Verwirrung. Auch die Werkidentität als "Portfolio" scheint bei den "Areal"-Mappen nicht garantiert. Denn es fehlen ihnen wesentliche Merkmale dessen, woran der Kunstmarkt üblicherweise ein Portfolio erkennt. Dazu gehört unter anderem, daß die einzelnen Abzüge betitelt, numeriert und als Teil eines Portfolios gekennzeichnet sind und daß dieses ein rückversicherndes Inhaltsverzeichnis enthält. Den "Areal"-Mappen jedoch fehlen etliche dieser Kennzeichnungen, ihre Vollständigkeit ist nicht überprüfbar.

Wer weiß denn später noch, daß eine mit nichts als "1/3" beschriftete Aufnahme zu einem Mappenwerk gehört? Und rein theoretisch könnte auch der Eindruck entstehen, sie gehöre zu einer weiteren, von den Mappen unabhängig edierten Auflage.

Der in all diesen Details hochsensible Markt für zeitgenössische Fotografie sah sich in seiner Hoffnung auf ein Urteil, das Herstellung und Vertrieb der Nachauflage nicht billigen würde, enttäuscht. Der statt dessen zwischen Brohm und Röschinger geschlossene Vergleich enthält laut Presseerklärung von Brohms Kölner Galerie unter anderem die Absichtserklärung des Künstlers, die Mappen nachträglich "einheitlich zu bezeichnen und zu signieren". Offen bleibt für den Leser, ob die Form dieser Bezeichnung eine ausreichende Unterscheidung beider Auflagen gewährleistet. Auch wollen beide Seiten die Konvolute "in Form und Inhalt authentisch erhalten" - allerdings gilt der Vergleich nur inter partes, das heißt, zukünftige Eigentümer bindet er nicht. Wenn Brohms Kölner Galeristen dieses Ergebnis nun wie einen Sieg feiern, wirkt das wie ein "Hurra!" beim Eigentor. Denn den lebenswichtigen Ruf der Seriosität schaffen sich Handel und Künstler nur durch striktestes Bemühen um glasklare Regeln und deren Einhaltung vom ersten Abzug an.

BRITA SACHS



Pressetext
Areal der Zeit

Joachim Brohm

13.November – Ende Dezember

Öffnungszeiten: Di – Sa 12 – 18 Uhr


Als Joachim Brohm im Februar 1992 seine erste Ausstellung in der Galerie Kampl zeigte, konnten wir das Interesse des Münchner Kunstsammlers Helmut Röschinger gewinnen und Brohms Arbeit in die Sammlung integrieren. Dr. Röschingers

Bauträgergesellschaft Argenta war damals dabei, ein Industriegelände im Münchner Norden, das Raab-Karcher Gelände, zu erschließen, auf dem die „Parkstadt Schwabing“ entstehen sollte. Mathias Kampl hatte die Idee, daß Joachim Brohm diesen Prozeß über die Jahre auf seine Art begleiten und so eine Langzeitstudie urbaner Entwicklungen schaffen könnte, die Dokumentation und künstlerisches Statement ist. Brohm entwickelte ein Konzept und Sammler Röschinger, dem die Idee gefiel, erklärte sich bereit das Sponsoring zu übernehmen.

Als Gegenleistung verpflichtete sich der Künstler, jährlich eine Mappe mit einer Auswahl von Ergebnissen der Arbeit zu produzieren, die in Auflage 3 (Künstler, Sponsor, Galerie) existieren sollte. Diese Fotografien wurden immer wieder als eine Art Zwischenbericht in der Galerie Kampl gezeigt, zu Open Art 1998 zusammen mit dem Architekturmodell des Geländes.

Zehn Jahre sind es geworden, 2002 wurde das Projekt abgeschlossen, es erschien ein Fotoband im Steidl- Verlag, der die Museumstournee begleitet, die im Fotomuseum Winterthur startete, vom Westfälischen Kunstverein Münster am 9. Dezember ins Fotomuseum im Stadtmuseum München kommt.

Was wir begleitend zeigen, ist das Kontingent an Arbeiten aus dem Projekt, das nun als Ergebnis langjähriger Unterstützung, Diskussionen und Zusammenarbeit von Künstler, Sponsor und Galerie Teil der Sammlung Röschinger ist. Zur Eröffnung ab Donnerstag 13.11.2003 von 18 – 21 Uhr laden wir Sie herzlich ein.

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Buttermelcherstrasse 15 ∙ D-80469 München ∙ Telefon +49 89 21 93 82 00 ∙ Fax +49 89 21 93 82 01

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Galerie Matthias Kampl

Presseinformation

Joachim Brohm: Areal (in progress)
Ein fotografisches Projekt 1992 - 2002
Der Fotograf Joachim Brohm arbeitet an einem Projekt - über einen zehnjährigen
Zeitraum hinweg- , das den urbanen Strukturwandel, eine städtische Umgestaltung
vom Industriereal der 50er jahre zum modernen Dienstleistungs- und
Wohnzentrum am Beispiel München thematisiert. Der exemplanische Charakter der
stattfindenden Veränderungsprozesse steht hierbei im Vordergrund und hinterfragt
den Status urbaner Identiät zur Jahrtausendwende allgemein:
"Ist die moderne Stadt wie der moderne Flughafen - überall gleich?" (Zitat: Rem Koolhaas).


Brohm erarbeitet mit seiner Fotografie ein homogenes, fotografisches Archiv,
welches auch die subtilen Erscheinungsformen und Übergangsstadien der bereits
seit einigen Jahren stattfindenden Veränderungen kontinuierlich sichtbar macht
und festhält.


Die eigenständige Bildfindung des Fotografen und die Fokussierung auf
immanente Aspekte des Mediums Fotografie ist Bestandteil seiner künstlerischen
Praxis. - Die Grundlagen für dieses Projekt dokumentieren sich in den freien
Arbeiten, die Joachim Brohm in den letzten 15 Jahren realisiert hat. Sie
beschäftigen sich wiederholt mit den Begriffen Industrie, Zeit und Geschichte,
wurden international ausgestellt wie publiziert und befinden sich in namhaften
öffentlichen Sammlungen. - "Areal" ist Brohms bisher umfangreiste Fotoprojekt.


Joachim Brohm, geb. 1955, lebt in Essen und Leipzig, wo er seit 1993 an der
Hochschule für Grafik und Buchkunst als Professor für Fotografie lehrt.