Peter Weibel - Presse
PRESSEINFORMATION Peter Weibel
„ Wegwerfbotschaften
. Zur freien Entnahme „
8.Sept. bis 20. Okt.
2000
Peter Weibel, Künstler, Ausstellungskurator, Kunst – und Medientheoretiker, wurde 1944 in Odessa geboren. Er studierte Literatur und Film in Paris, Mathematik, Medizin und Philosophie in Wien.
In „ Bis heute „ ( Stilgeschichte der
bildenden Kunst im 20. Jhdt, Dumont ) schreibt Karin Thomas: „
Peter Weibel, der schon in den sechziger Jahren durch radikale,
körperbezogene und sozialkritische Aktionen auf sich aufmerksam
machte und später einer der kreativsten Experimentatoren auf den
verschiedensten Feldern der Video- und Digitalkunst wurde, leistet
heute durch Lehr - und Ausstellungstätigkeit sowie durch
publizistische Aktivitäten wegweisende Vermittlerarbeit für
den Kommunikationsprozess und die interdisziplinäre Erweiterung
der Kunst.“ Hier zwei Textbeispiele: „130 Millionen Kinder weltweit besuchen nicht die Schule, zwei Drittel davon sind Mädchen.“
„ Jede Minute wächst die Weltbevölkerung
um 160 Menschen, ein Viertel davon ist ungewollt.“
Peter Weibel zu seiner Arbeit:“ Der öffentliche
Abfalleimer, der statistische Daten zur sozialen Lage der Welt
enthält und somit darauf hinweist, daß es sich um Daten
handelt, die wegen Nichtbeachtung eigentlich ständig
weggeworfen werden, kann nicht zum ästhetischen Objekt verklärt
werden, wie es bei Duchamps Urinoir möglich ist. Das ästhetische
Objekt kollabiert und an seine Stelle tritt ein Handlungsfeld. Dieses
Handlungsfeld besteht natürlich nicht allein aus sprachlichen
Anweisungen oder performativen Akten, sondern die Objekte selbst sind
Aktanten für Handlungen.“ ![]()
arnulf rohsmann
peter weibel/wegwerfbotschaften peter weibel montiert fünfzehn gleiche strassenpapierkörbe an den wänden des ausstellungsraumes, sie sind mit zerknülltem papier gefüllt, die texte auf diesen zetteln sind in jedem korb andere; innerhalb eines korbes sind sie dieselben. weibel wirft auch hier die frage nach der reichweite des skulpturenbegriffes auf, wenn er den papierkorb als alltagsskulptur sieht und das zerknüllte papier als ergebnis einer skulpturalen handlung. die stets durch formveränderung definiert ist. allerdings kollidiert er dabei mit der konventionellen werthaltung, die sich am intakten blatt papier mit der lesbaren botschaft orientiert und die verformung als folge eines destruktiven aktes bewertet. diesen medieninternen diskurs überschreitet peter weibel in die soziale dimension, wenn er den papierkorb mit dem schild zur freien entnahme ergänzt. weibel übernimmt die sprache einer noch zurückhaltenden werbung, bevor sie die stufe der anheischigkeit erreicht, der papierkorb vermittelt die konnotationen des überflüssigen, des unnütz und unappetitlich gewordenen, was immer er enthalten mag. bevor es wieder zum vorschein kommt, ihm etwas zu entnehmen gilt den mitgliedern der wohlstandsgesellschaft unschicklich; ihn zur entsorgung des unliebsam gewordenen zu benutzen, gilt als beweis wohlerzogen zu sein. das ist die folge einer campagne gegen die symptome des vergänglichen. deren präsenz an die eigene zeitlichkeit erinnert. der abfall in den körben ist gedanklicher herkunft, sind einfache mitteilungen, die peter weibel als globale sätze bezeichnet, wie:”130 millionen kinder weltweit besuchen nicht die schule, zwei drittel davon sind mädchen”, oder: “jede minute wächst die welt bevölkerung um 160 menschen, ein viertel davon Ist ungewollt”, oder:”90 prozent unserer heutigen arbeiten hatten in der antike ausschliesslich sklaven verrichtet", etc. die prophetie wird nicht ausgesprochen, die bedrohung bleibt latent, diese sätze sind nicht als appell geplant; sie erzielen eine betroffenheit, die sich nicht in der konzeption von lösungsmodellen niederschlägt sondern in der verdrängung der problemansätze. zu den strategien des selbstschutzes zählt es, die nichtbewältigung eines problems in seine geringschätzung umzuwandeln. sie gipfelt im wegwerfen der botschaft. die entsorgung wird als kommunales bedürfnis akzeptiert, der bedarf ist ein gesellschaftlicher. |
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